Gleichstellung 2.0? – Das Schuldzinsgefälle

Heute mal keine rein sprachliche Betrachtung. Es geht mir um das Thema Zinsen für Schulden. Während unser Finanzminister auf je 1.000 Euro Staatsschulden 2 Euro Zinsen gutgeschrieben bekommt, darf Otto Normalbürger bei seiner Bank aktuell zwischen 4,17 und 12,75 Prozent Dispokreditzinsen berappen. Das sind 41,70 Euro bis 127,50 Euro auf 1.000 Euro Schulden. Wo sind Überwachung, Zensur und Gleichschaltung, wenn man sie wirklich einmal braucht?

Wie wäre es also in dem Punkt mit Gleichberechtigung?

Wenn die Wirtschaft jammert, dass der Verbraucher nicht genug verbraucht: hier liegt Potenzial brach. Aber Achtung, Warnung an alle Mathe-Genies: Mit den sogenannten Negativzinsen wird man nicht reich, man wird nur nicht ganz so schnell noch ärmer.

Und jetzt zum sprachlichen Teil

Das Wort Negativzins ist ein zweischneidiges Schwert. Denkt man an Sparguthaben, dann ist der negative Eindruck, den das Wort vermittelt, durchaus angemessen. Jedenfalls wenn man dem Konzept anhängt, dass Geld wertvoller wird, wenn man es auf einem Konto bei einer Bank liegen lässt. Dies dürfte allerdings nur der Fall sein, wenn das Geld in etwas wirtschaftlich Sinnvolles investiert wird.

Negativzins auf Staatsschulden klingt genauso „böse“. Ich habe allerdings den Verdacht, dass wir es hier mit Framing zu tun haben. Es soll wohl negativ klingen, damit die Sparer nicht auf die Barrikaden gehen, weil sie weniger Zinsen für ihr Guthaben bekommen als Herr Scholz für Staatsschulden. Oder fällt Ihnen ein anderer Grund ein? Das passendere Wort in dem Zusammenhang wäre doch so etwas wie Schulden-Bonus. Das würde auch besser zum sonstigen Gebaren unserer Geldhäuser passen. Oder irre ich mich hier?

Solange wir die Dinge nicht beim richtigen Namen nennen, kann nichts Gutes dabei herauskommen. Das wusste Konfuzius schon vor ca. 2500 Jahren: „Wenn die Begriffe nicht stimmen, dann ist das, was gesagt wird, nicht das Gemeinte. Wenn das, was gesagt wird, nicht das Gemeinte ist, dann sind auch die Taten nicht in Ordnung.“ Setzen wir alles daran, dass unsere Worte wieder wahr sind im Sinne der Sache, die gemeint ist.

Für weitere sprachliche Tipps schauen Sie sich auf meinem  Blog um, buchen Sie ein firmeninternes Korrespondenz-Seminar oder abonnieren Sie meinen monatlichen Klartext Deutsch fürs Büro.

Buchstäblich gute Briefe – Anfang und Ende

So wichtig wie der Einstieg in einen Brief oder eine E-Mail ist auch der Ausstieg. Beides zusammen ist vergleichbar mit dem ersten und letzten Eindruck bei einer persönlichen Begegnung.

Sie kennen das alle: Sie betreten ein Geschäft. Wenn Sie jetzt freundlich bergrüßt werden – persönlich vom Personal oder durch eine ansprechende Warenpräsentation – werden Sie gern stöbern und kaufen. Wenn dann auch an der Kasse alles reibungslos geht und Sie mit einem freundlichen Satz verabschiedet werden, werden Sie gern wiederkommen. Ganz anders, wenn das Warenangebot lieblos präsentiert und Sie nur floskelhaft begrüßt und verabschiedet werden.

Bei Briefen ist das genauso. Kunden erkennen Floskeln auf den ersten Blick. Als Einstieg ein formelhaftes “Vielen Dank für Ihr Schreiben vom Soundsovielten” ist genauso quälend wie ein letzter Satz, der unter allem stehen könnte.

Der erste Satz – die Zehe, auf die man tritt

Kennen Sie das auch? Sie sitzen vor dem Rechner und ertappen sich dabei, dass Sie schon wieder einen Brief oder eine E-Mail mit einem Standardsatz anfangen? Nach meinem Empfinden fangen viel zu viele geschäftliche Briefe und E-Mails in laufenden Kundenbeziehungen mit “Vielen Dank für Ihr Schreiben/Ihre E-Mail vom 30. April” an.

So einen Satz will niemand lesen. Und die Angabe “Ihr Schreiben vom tt.mm.jjjj” gehört auch gar nicht in den ersten Satz. Sie gehört in den Bezugszeichenblock. Nun höre ich in meinen Korrespondenz-Trainings häufig, dass man dafür in dem Bezugszeichenblock keinen Platz habe. Und tatsächlich haben viele Unternehmen für diese Angabe keine Zeile vorgesehen. Wenn das aus irgendeinem internen Grund tatsächlich nicht zu ändern sein sollte, gehört “Ihr Schreiben vom …” in die Betreffzeile.

Ich höre Sie schon fragen: “Ja, aber was schreibt man denn dann in den ersten Satz?” Ganz einfach: Etwas für den Leser Nützliches. Das kann zum Beispiel etwas sein wie: “In Ihrem Brief haben Sie uns nach der Ablaufleistung Ihrer Lebensversicherung gefragt.” Ein solcher Satz hat den großen Vorteil, dass er dem Angeschriebenen sofort signalisiert, dass wir sein Anliegen verstanden haben. Und nach dem Satz kann man gleich mit der Antwort rausrücken.

Seien Sie kreativ, wenn es um den ersten Satz in Ihren Schreiben geht. Kaum etwas ist langweiliger, als der immer ähnliche erste Satz, egal von wem man einen geschäftlichen Text bekommt. Nutzen Sie dazu einen der Anhaltspunkte, die Ihnen Ihr Korrespondenzpartner in seinem Schreiben frei Haus geliefert hat. Das allein macht Ihre Korrespondenz schon um einiges flotter. Viel Spaß beim “Frühjahrsputz” in Ihren Standardbriefen.

Mehr Tipps zu diesem Thema gibt es in meinen firmeninternen Korrespondenz-Seminaren und in persönlichen Beratungen. Eine kurze telefonische Erstberatung ist pro Firma kostenlos. Schreiben Sie mir einfach eine kurze  E-Mail klartext@baron-texttraining.de, dann vereinbaren wir einen Termin.

Welchen Impuls geben Sie mit Ihrem letzten Satz im Brief?

Wollen Sie Ihren Adressaten abschrecken oder gar vor einer Geschäftsbeziehung mit Ihnen warnen? Oder wollen Sie nicht vielmehr signalisieren, dass es  erfolgversprechend und vielleicht sogar ein Vergnügen ist, mit Ihnen geschäftlich verbunden zu sein?

Letzte Sätze zum Abgewöhnen

1. Wir würden uns freuen, Ihnen hiermit geholfen zu haben.
2. Wir stehen Ihnen für Rückfragen jederzeit gern zur Verfügung.
3. Wir hoffen, Sie bald zu unseren zufriedenen Kunden zählen zu dürfen.

Das sind nur ein paar Beispiele. Wahrscheinlich haben die meisten von uns einen dieser Sätze so oder so ähnlich schon einmal geschrieben. Meist macht man sich gar keine Gedanken darüber, weil solche Sätze schon seit Generationen durch unsere Geschäftsbriefe geistern. Wenn wir aber innehalten, merken wir:

Hier stimmt etwas nicht!

1.  Diese Formulierung sagt, dass Sie sich nicht wirklich freuen und der Rest klingt umständlich.
2.  Dieser Satz ist genauso weit verbreitet wie er gelogen ist: Die meisten von uns sitzen wahrscheinlich im Büro und haben überhaupt keine Lust, über sich verfügen zu lassen.
3.  Wer hoffen muss, hat sich nicht genug Mühe gegeben. Der zweite Teil des Satzes legt den Gedanken nahe, dass Ihr Unternehmen auch unzufriedene Kunden hat. Außerdem hört sich “zählen zu dürfen” ein wenig unterwürfig an. Sind Ihr Kunden Nummern?

Jetzt wollen Sie natürlich zu Recht wissen, wie es besser geht. Das ist ziemlich einfach. Überlegen Sie sich, was Sie selbst gern am Ende eines Briefes, eines Angebots etc. lesen wollen. Oder versetzen Sie sich in Ihren Adressaten und schreiben Sie, was er gern lesen möchte. Je genauer Sie auf die konkrete Situation eingehen, desto besser. Dann könnte sich der Ersatz für unsere drei Floskeln zum Beispiel so lesen:

Die besseren Schluss-Sätze

1. a) Wir freuen uns, wenn Ihre Frage damit beantwortet ist.
1. b) Ist Ihre Frage damit beantwortet? Falls noch etwas unklar ist, rufen Sie mich bitte an.
1. c) Mit diesen Einstellungen druckt Ihr neuer Drucker nun auch große Dateien perfekt im Duplex-Verfahren.
2. a) Weitere Fragen zu den Einsatzmöglichkeiten der Maschine beantworte ich Ihnen gern telefonisch.
2. b) Antworten auf weitere Fragen hierzu bekommen Sie unter 0123 9876-123.
2. c) Wenn Sie Fragen zu Ihrem Vertrag haben, rufen Sie uns bitte an. Wir nehmen uns gern Zeit für Sie.
3. a) Wir sind gespannt, für welche Version Sie sich entscheiden.
3. b) Wann dürfen wir Sie mit unseren Leistungen überzeugen?
3. c) Wir freuen uns auf Ihren ersten Auftrag und sichern Ihnen schon jetzt eine gewissenhafte Ausführung zu.

Sehen Sie, was ich meine? Die Wirkung ist eine gänzlich andere. Vermeiden Sie gerade am Ende Ihrer Briefe Konjunktiv-Formulierungen, “hoffen” Sie nur, wenn Sie keinen Einfluss auf den Lauf der Dinge haben und stehen Sie nicht “zur Verfügung”.

Mit konkreten, flotten ersten und letzten Sätzen bringen Sie viel mehr Charme in Ihre Texte. Diesen angenehmeren, ehrlicheren Ton werden Ihre Kunden bewusst oder unbewusst mit Treue und Empfehlungen honorieren. Und ich freue mich, wenn Sie mir über Ihre Erfahrungen berichten.

Mehr Tipps zu diesem Thema gibt es in meinen firmeninternen Korrespondenz-Seminaren und in persönlichen Beratungen. Eine kurze telefonische Erstberatung ist pro Firma kostenlos. Schreiben Sie mir einfach eine kurze  E-Mail an klartext@baron-texttraining.de, dann vereinbaren wir einen Termin.

Nachhaltigkeit – ein Wort macht Karriere

Nachhaltigkeit hat als Wort mehr Karriere gemacht, denn als Maxime für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Sehr schade, denn das Beachten der Prinzipien der Nachhaltigkeit wäre ein erfolgversprechender Weg im Sinne aller – heute und in Zukunft.

Was genau ist Nachhaltigkeit?

Der legendäre, fiktive Radiosender Jerewan und Juristen würden die Frage erst einmal mit „Es kommt darauf an.“ beantworten. Und tatsächlich kommt es darauf an, in welchem Zusammenhang davon die Rede ist. Halbwegs einig ist man sich über die Herkunft des Wortes: Bereits Anfang des 18. Jahrhunderts hat Hans Carl von Carlowitz Nachhaltigkeit im Zusammenhang mit der Forstwirtschaft verwendet. Er verstand darunter eine Waldbewirtschaftung, bei der dem Wald nur so viele Bäume entnommen werden, wie auf natürliche Weise in absehbarer Zeit nachwachsen können. Wenn Sie mehr über die Wortbedeutung wissen wollen, lesen Sie im Lexikon der Nachhaltigkeit nach.

Seit etwa 20 Jahren taucht das Wort in allen möglichen Zusammenhängen auf, wenn es um ökologisch, wirtschaftlich oder gesellschaftlich verantwortliches Handeln geht. Gut so. Dadurch hat diese spezielle Bedeutung allerdings die ursprüngliche Bedeutung überlagert. Wenn wir heute Nachhaltigkeit/nachhaltig lesen, denken die allermeisten Leser an ökologisch vernünftiges Wirtschaften, an langfristig oder dauerhaft die wenigsten.

Das Wort nachhaltig ist so angesagt, dass es häufig zu lesen ist. Wenn damit ein ethisches Handeln suggeriert wird, das dann nicht vorliegt, finde ich das irreführend. Da es bei diesem Wort nicht einfach ist, einen eindeutigen Zusammenhang für die Ursprungsbedeutung herzustellen, plädiere ich dafür, immer dauerhaft oder langfristig zu sagen oder zu schreiben, wenn diese Bedeutung gemeint ist. Dann läuft man als Unternehmen auch nicht Gefahr, sich selbst ein unberechtigtes Weiße-Weste-Zeugnis auszustellen.

Machen Sie den Selbsttest

Vielleicht haben Sie Spaß daran, einmal den letzten Geschäftsbericht, die letzten fünf Pressemeldungen oder ähnliche Texte aus Ihrem Unternehmen daraufhin zu prüfen. Ich bin gespannt, was Sie entdecken. Wenn Ihr Unternehmen zu denen gehört, die das im letzten Jahr nicht ein einziges Mal falsch gemacht haben, haben Sie meinen vollen Respekt.

Die korrekte Verwendung dieses Wortes ist die eine Sache. Eine andere und sicher noch wichtigere ist, dass jeder von uns dem Wort nachhaltige Taten folgen lässt. Oder noch besser: Handeln Sie zuerst nachhaltig und berichten anschließend darüber! Ich freue mich auf viele ansteckende Beispiele. Ein solches Beispiel ist, sich über eine dauerhaft gesunde Ernährung Gedanken zu machen und diese Gedanken dann auch umzusetzen. Tipps, wie man seine Lieblings-Snacks leicht selber machen kann, statt zu hochverarbeiteten Industrieprodukten zu greifen, lesen Sie zum Beispiel unter Selber machen: 9 gesunde Alternativen zu verarbeiteten Lebensmitteln.

Mehr zu sprachlichen Themen lesen Sie in anderen Beiträgen meines Blogs Deutsch fürs Büro.

Der schnelle Weg zu einem fairen Mindestlohn

Heute habe ich das dringende Bedürfnis, mich zu einem Thema zu äußern, das seit Jahren durch die Medien geistert, die Gemüter erregt und doch so einfach zu lösen wäre: die Einführung eines fairen Mindestlohns.

Altersarmut ist vorprogrammiert

Was aktuell als Mindestlohn bezeichnet wird, verdient den Namen nicht. Denn sonst würde er wenigstens zwei Forderungen erfüllen: Er würde dem Arbeitnehmer ein würdiges Auskommen sichern und ihn vor einem Alter in Armut bewahren. Beides tut der gesetzlich festgelegte Mindestlohn von 9,19 Euro bei weitem nicht. Und das wird er auch 2020 nicht tun, da er lediglich auf 9,35 Euro erhöht werden soll. Selbst die Forderung einiger Politiker nach einem Mindestlohn von 12 Euro löst das Problem nicht. Denn auch mit diesem Lohn bleiben Arbeitnehmer, die 45 Jahre arbeiten, sehen einer Rente unter dem Existenzminimum entgegen. Merken die Politiker eigentlich, was sie da tun? Und wie wäre es, diesen Stundensatz als das zu bezeichnen, was er ist, nämlich als Hungerlohn!

Wo ist der Held, der sich für einen ehrlichen Mindestlohn einsetzt?

Dabei wäre es sehr einfach, auf einen ehrlichen und fairen Mindestlohn zu kommen. Mein Vorschlag dazu ist: Lassen Sie uns einen Höchstlohn festlegen, der – seien wir großzügig und sagen wir – das Zwanzigfache des Mindestlohnes nicht übersteigen darf. Wetten, dass wir in Nullkommanichts einen Mindestlohn hätten, mit dem jeder gut leben könnte?

Ich bin gespannt, wann Gewerkschaften und Parteien die Idee aufgreifen, statt sich im Kleinklein zu verzetteln und 9,19 Euro als große Errungenschaft zu verkaufen. Noch dazu, da nicht erst seit gestern bekannt ist, dass Menschen mit niedrigem Einkommen öfter erkranken und bis zu 8,6 Jahre früher sterben als Menschen mit hohem Einkommen. Wie passt das mit dem Auftrag an die Regierung zusammen, Schaden von den Bürgern abzuhalten?

Es erscheint mir als eine unglaubliche Missachtung, politisch einen solchen Mindestlohn festzulegen. Er ist zum Leben zu niedrig und zum Sterben zu hoch. Und selbst nach einem langen Arbeitsleben bedeutet er Verzicht und Unsicherheit. Insofern ist es eigentlich ein Wunder, dass sich so viele Menschen auf diesen Lohn einlassen und eben nicht Harz 4 beantragen. Sicher auch, weil das in etwa der Wahl zwischen Pest und Cholera entspräche.

Gendergerechte Sprache – Fluch oder Segen?

Geschlechtergerechte oder auch gendergerechte Sprache ist ein Thema, das immer öfter in den Medien auftaucht. Spätestens seit einzelne Institutionen und Kommunen Leitfäden zum Verwaltungssprachgebrauch erlassen, kommt man immer weniger an dem Thema vorbei. Egal, wie man dazu steht, es sollte sich jeder seine eigene Meinung dazu bilden.

Gendergerechte Sprache – eine späte Blüte des Feminismus

Entstanden sind die Gender-Studien aus der Frauenbewegung der 60er-Jahre. Und diese Gender-Studien haben in den letzten Jahrzehnten unmittelbar oder mittelbar zu Empfehlungen für die sogenannte geschlechtergerechte oder geschlechtersensible Sprache geführt. Die soll dazu beitragen, dass sich möglichst niemand mehr sprachlich diskriminiert fühlen kann. Die Idee ist gut, aber die Mittel sind die absolut untauglich.

Denn tatsächlich hatten wir bis zur Einführung dieser Empfehlungen eine geschlechterneutrale Sprache.

Die Kritik der Gender-Forscher

Die Kritik der Gender-Forscher lautet, dass das Männliche überall überwiege. Das ist aus meiner Sicht eine ideologisch motivierte Fehlinterpretation: Wir haben nämlich in unserer Sprache für Substantive, also Hauptwörter, drei grammatikalische Geschlechter. Der erste Fehler ist schon einmal, dass die Formen “Geschlecht” genannt wurden und nicht “Form”. Dummerweise heißen diese grammatischen Geschlechter auch noch Maskulinum, Femininum und Neutrum.

Das Maskulinum sollte besser „Standardform“ heißen. Es ist die älteste Form und bezeichnet Unspezifisches: der Tag, der Geist, der Händler. Dann kam in der Wortbildung das Neutrum dazu, welches  Abstraktionen benennt. Also das Spiel, das Werkzeug, das Handeln. Und als letzte Form kam das Femininum: die Seele, die Psyche, die Handlung. So etwas wie die nächste Abstraktionsstufe. Aus dem konkreten Händler wird das praktische Handeln und dann die abstrakte Handlung. So hat sich unsere Sprache nach und nach zu dem entwickelt, was wir heute sprechen.

Und genau betrachtet werden Männer nie genannt, eben weil die generisch maskulinen Wörter kein biologisches Geschlecht bezeichnen. Handwerker sind die, die mit der Hand werken. Punkt. Zu den verschiedenen Schreibweisen, die sich unterschiedlich intensiv verbreitet haben, lesen Sie weiter unten mehr.

Verkehrte Welt, wo man auch hinliest

Wenn wir schreiben „Liebe Leser“, dann sind das alle, die lesen. Egal, wer das ist. Wenn wir sagen „Liebe Leser und Leserinnen“, dann meinen wir die weiblichen Leser aus irgendeinem Grund ganz besonders. Das Spezifische (also das Weibliche) dagegen vor das Unspezifische (das Männliche) zu stellen, wäre auf jeden Fall falsch. Trotzdem wird es dauernd so gemacht.

Die überwiegend weiblichen Geschlechterforscher wollen das generische Maskulinum abschaffen und weibliche Personenbezeichnungen immer in irgendeiner Weise ausdrücklich nennen oder eben neutral formulieren. Nur: neutraler als mit dem generischen Maskulinum kriegen wir es nicht mehr!

Wo bleiben die Männer in der Sprache?

Mit neutral formulieren meinen die Gender-Forscher, dass wir aus Fußgängern wie in der Straßenverkehrsordnung  zu Fuß Gehende machen sollen. Und das ist ja keinesfalls dasselbe. Ein zu Fuß Gehender bin ich nur, solange ich tatsächlich laufe. Fußgänger bin ich dagegen auch, wenn ich stehen bleibe. Haben Sie es gemerkt? Es heißt pikanterweise ein zu Fuß Gehender! Ich müsste schon wieder eine zu Fuß Gehende sagen… Das klappt also nur im Plural! Genau wie beim richtigeren Fußgänger! Die Mehrzahlform ist die Mehrzahlform, durch den Artikel ändert sich ja nicht das Geschlecht des Gehenden, nicht einmal das des Wortes …

Nehmen wir Personenbezeichnungen wie: Arzt, Arbeiter, Bürger, Student, Mörder, Zuhälter. Personenbezeichnungen bilden wir klassisch als maskuline Wörter. Das ist eine sprachliche Gegebenheit. Die Wörter bezeichnen Personen, die einen Heilberuf ausüben, in einem Land leben, an einer Hochschule eingeschrieben sind und so weiter. Welches biologische Geschlecht die zunächst unspezifische Person hat, interessiert das Wort, die Sprache und unser Sprachzentrum überhaupt nicht.

Niemand ist “mitgemeint”

Auch Studierende sind nicht dasselbe wie Studenten. Es wird gelegentlich empfohlen, aus einem Seminarleiter „die Seminarleitung“ zu machen. Ich will aber nicht mit einer abstrakten Seminarleitung sprechen, sondern mit dem konkreten Seminarleiter, auch wenn das ein Mann ist.

Oft wird ins Feld geführt, dass die Wörter Frauen ja „mitmeinen“. Das ist völliger Blödsinn. Wörter meinen Frauen nicht mit, weil sie auch Männer nicht mitmeinen. Wörter meinen überhaupt nichts. Sie bezeichnen einfach nur.

Noch nie war Sprache so sexualisiert wie heute

Wenn Personenbezeichnungen generisch maskulin sind, sind Frauen dann sprachlich unterrepräsentiert? Dass sich die eine oder andere Frau unterrepräsentiert fühlt, kann durchaus sein. Nur haben Gefühle nichts mit der Sprachlogik zu tun. Es geht gar nicht darum, wie sich jemand fühlt, sondern darum, was mit einem Wort bezeichnet wird.

Wenn sich die Einzelhändler eines Ortes treffen, oder die Lehrer, dann ist es völlig egal, wie viele Frauen und wie viele Männer dabei sind. Bei der Information spielt das erst einmal keine Rolle. Es geht zunächst nur darum, welche Gruppe sich trifft. Das ist die relevante Information. Dadurch, dass wir immer alle möglichen Formen nennen, lenken wir vom Inhalt ab und lenken die Aufmerksamkeit stattdessen auf einen unwichtigen, noch dazu – aus meiner Sicht – privaten Aspekt, der für den Informationsgehalt keine Rolle spielt.

Es wird auch angeführt, dass bei vielen Begriffen angeblich immer zuerst und manchmal ausschließlich an Männer gedacht würde. Bei Arzt würden sich die meisten männliche Ärzte vorstellen. Ebenso bei Arbeiter, Mechaniker, Bürger usw. Deshalb sollte man immer Ärztin und Arzt, verwenden. Mein Tipp: Wenn wir wollen, dass jedem bei bestimmten Berufen Frauen genauso oft in den Kopf kommen wie Männer, dann sollten mehr Frauen diesen Beruf ausüben und in diesem Beruf mehr von sich reden machen. Es ist allemal besser, auf die Realität einzuwirken, als eine ganze Sprache zu vergewaltigen.

Vom Schreibfehler zum Denkfehler

Die empfohlenen Schreibweisen mit Sternchen oder mit  x, mit Schräg-und Bindestrich /-innen oder mit Binnen-I blähen jeden Text auf, ohne inhaltlich etwas hinzuzufügen. Das macht Texte schwer lesbar und zum Teil unvorlesbar. Zudem widersprechen diese Formen unseren Rechtschreibregeln. In der Schule wären das Fehler.

A propòs Schule: Denken Sie an Schüler in der zweiten Klasse, die gerade mal lesen können und dann Sätze lesen sollen wie: „Die Vorleserin oder der Vorleser liest die Geschichte den Zuhörerinnen und Zuhörern vor.“ Das ist viel Lärm um nichts. Die Kinder lesen sich ‘nen Wolf und das Ziel, geschlechtsneutral zu formulieren, wird überhaupt nicht erreicht. Im Gegenteil, durch die doppelte Nennung werden die biologischen Geschlechter betont, an einer Stelle, an der sie überhaupt keine Rolle spielen. Wenn die Kinder sich umdrehen, sehen sie, mit wem sie in einer Klasse sind!

Macht es der Gender-Stern besser?

Wenn wir beim Lesebeispiel bleiben, dann schreiben wir mit dem Gender-Stern “Der/die Vorleser*in  liest die Geschichte den Zuhörer*innen vor.“ Das ist wenigstens kürzer. Aber besser? Das Sternchen wird nicht mitgelesen. Es steht beim Vorlesen für eine Pause. Also müssen wir lesen “der/die Vorleser in liest”. Klingt blöd oder harmlos gesagt gewöhnungsbedürftig. Wenn ich an die Menschen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche denke, weiß ich, dass für sie lesen und schreiben noch viel schwieriger wird, als es bisher schon war.

Nun heißt es beispielsweise in den Empfehlungen “Für eine geschlechtergerechte Verwaltungssprache” der Stadt Hannover zum Genderstar:

Der Genderstar, dargestellt durch ein Sternchen* zwischen der maskulinen und femininen Endung dient als sprachliches Darstellungsmittel aller sozialen Geschlechter und Geschlechtsidentitäten.

Wenn das mal wahr wäre. Schon beim Wort Kolleg*innen trifft die Erklärung nicht zu. Denn Kollegen steht da ja gar nicht. Und würden wir Kolleg*inn*en schreiben, stimmt es auch noch nicht ganz, weil jetzt der weiblichen Form die Endung fehlt. wie man es auch dreht und wendet: Es gibt keine bessere Form als die, die sich über Jahrhunderte sprachlich herausgebildet hat.

Was sagt die Wissenschaft zum Thema gendergerechte Sprache?

Das ist so eine Sache. Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages hat veröffentlich, dass es mittlerweile an deutschen Hochschulen insgesamt 185 Gender-Professuren gibt. Und die werden auch großzügig gefördert. Aus meiner Sicht sind die Studien nicht repräsentativ und die Forschungsergebnisse obendrein dünner als dünn. Und wenn man sich einzelne Studien anschaut, dann braucht es viel Phantasie, um das formulierte Fazit mit dem tatsächlichen Studienergebnis in Einklang zu bringen.

Hinzu kommt, dass wir hier beispielsweise von feministischer Linguistik sprechen. Für mich ist das ein Widerspruch in sich: Feminismus ist eine Ideologie. Und eine Ideologie hat in der Wissenschaft so viel verloren wie Dieselkraftstoff im Ottomotor. Schließlich soll etwas erforscht werden. Und dabei geht es um ein möglichst objektives Ergebnis.

Wenn also eine Gender-Studie vom Fachbereich feministische Linguistik durchgeführt wird und die (teilweise nur 40) Probanden, die an der Studie teilnehmen, an eben diesem Fachbereich studieren und alle Anfang 20 sind: wie objektiv sind dann Studien-Design und die Ergebnis? Die Antwort erübrigt sich.

Natürliche Sprachentwicklung

Sprache entwickelt sich seit den ersten Ursprüngen. Aber bitte von „unten“. Das meint, Sprache entwickelt sich immer, wenn es ein Erfordernis dafür gibt. Beispiel: Es gibt eine neue Technik, ein neues Produkt, was auch immer, und schon brauchen wir ein neues Wort. Und wir erfinden es. Wenn wir irgendwann ein Wort für ein drittes Geschlecht brauchen sollten, werden wir eins dafür erfinden, keine Frage. Aber eben erst, wenn es gebraucht wird.

Bisher beziehen sich die natürlichen Weiterentwicklungen der Sprache meines Wissens überwiegend auf Wortschatz und Schreibweise, nicht aber auf die Sprachsystematik.

Wollen wir den Fehler der Rechtschreibreform wiederholen?

Verordnete Sprachveränderung geht immer schief. Die unsägliche Rechtschreibreform der 90er-Jahre ist auch so ein Beispiel: Da sollte auch von oben eine neue Rechtschreibung eingeführt werden, damit die Schüler weniger Fehler machen. Die Bevölkerung hat vieles davon nicht umgesetzt, weil es gegen den gesunden Sprachinstinkt ging. Und was war? Die Reform wurde nach und nach zu großen Teilen wieder zurückgeändert. Mit dem Ergebnis, dass heute mehr Fehler gemacht werden als früher. Klassische Zielverfehlung und teurer Schmarrn, genau wie die angeblich geschlechtergerechte Sprache.

Fazit

Vertrauen Sie Ihrem Sprachinstinkt und lassen Sie sich nicht beirren! Und helfen Sie mit, unsere Sprache vor dieser Verhunzung zu bewahren, genau wie damals vor den Übertreibungen der Rechtschreibreform.

Zu diesem Thema kann ich zwei Bücher wärmstens empfehlen: zum einen „Denksport Deutsch“ von Daniel Scholten und zum anderen „Genug gegendert!“ von Tomas Kubelik. Beide Bücher sind sehr kenntnisreich geschrieben und liefern fundierte Argumente für richtiges Deutsch. Und wer sich ernsthaft zu dem Thema austauschen möchte, kann sich beispielswiese über den Verein für Sprach- und Wissenskultur – Kennwort e.V. an mich wenden.